Besonderheiten autistischer Kommunikation

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In den ersten beiden Beiträgen zum Autismus-Spektrum wurde das Spektrum mit seinen verschiedenen Erscheinungsformen beschrieben. Außerdem wurden gängige Missverständnisse und Mythen rund um das Thema Autismus aufgeklärt und insbesondere der Bereich der Wahrnehmung näher erläutert.

Dieser Beitrag zum Autismus-Spektrum steht ganz im Zeichen der Kommunikation.

„Dein Kind spricht aber komisch“ oder „Dein Kind spricht ja gar nicht“ sind Aussagen, die Eltern autistischer Kinder nicht selten zu hören bekommen. Was steckt dahinter? Warum fallen Autisten mit ihrer Art zu kommunizieren auf?

Man kann nicht pauschal sagen, dass Autisten ganz viel, wenig oder überhaupt nicht sprechen. Wie auch schon im Bereich der Wahrnehmung beschrieben, ist jeder Autist anders.

Einige Autisten sprechen nicht. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht verstehen würden oder nichts zu sagen haben. Viele Autisten, die nicht sprechen, werden in ihren geistigen Fähigkeiten unterschätzt. Das führt dann leider dazu, dass man nicht angemessen mit ihnen spricht und in eine Art Kleinkindsprache verfällt, selbst wenn man es mit Jugendlichen oder Erwachsenen zu tun hat. Mein Sohn zum Beispiel verständigt sich nicht mit gesprochener Sprache, sondern mit Gebärdensprache. Er braucht die Gebärdensprache aber nicht, um das Gesprochene zu verstehen, sondern nur, um sich selbst mitzuteilen.

Andere Autisten schreiben zum Beispiel auf Computern, Talkern oder Buchstabentafeln, um sich verständlich zu machen – das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass sie die gesprochene Sprache um sich herum nicht verstehen.
Andere Autisten fallen hingegen durch auffällige gesprochene Sprache auf. Dies kann sich in verschiedener Hinsicht äußern. So verwenden sie manchmal Wortneuschöpfungen oder wiederholen Wörter oder ganze Sätze immer wieder. Auch ist die Sprachmelodie manchmal sehr monoton, so dass es nicht so einfach ist, den emotionalen Gehalt des Gesprochenen zu erfassen, obwohl dieser durchaus vorhanden ist. Es kann auch vorkommen, dass das Erzählen gar nicht mehr aufhört und ein Mensch mit Autismus kein Ende in seinen Ausführungen findet, da er das Interesse seines Gegenübers nicht adäquat einschätzen kann oder zu seinen gesprochenen Gedanken keinen Schlusspunkt findet.

Manche Autisten wiederholen auch auswendig gelernte Floskeln, weil sie wissen, dass diese in unserer neurotypischen Welt (= das, was wir gemeinhin als normal bezeichnen) oft verwendet werden. Manchmal erscheinen diese dann als „fehl am Platze“ oder nicht passend. Eng damit zusammen hängt die Abneigung der meisten autistischen Menschen gegen Smalltalk. Mit „Schönes Wetter heute, nicht wahr?“ oder „Hallo, wie geht´s?“ können sie oftmals nichts anfangen.

Sprechende und nicht-sprechende Autisten haben häufig gemeinsam das Problem, dass sie ernste von ironischen Aussagen nicht voneinander unterscheiden können. Neurotypische Menschen haben zusätzlich zum gesprochenen Wort noch die Möglichkeit, eine Aussage über den Tonfall oder auch die Körpersprache und Mimik des Gesprächspartners zu decodieren. Die Möglichkeit haben Autisten meistens nicht. So hören sie zum Beispiel den Satz „Ja, super! Das hast Du ja ganz toll hinbekommen!“ und verstehen möglicherweise nicht, dass das nicht ernst gemeint war, sondern die Beule im Auto doch eher ziemlich blöd ist.

„Meistens fassen Menschen mit Autismus Sprache zunächst einmal wörtlich auf. Daher sind vor allem für autistische Kinder, denen vorher nicht erklärt wurde, dass es sich um Redewendungen handelt, Aussagen wie „die Haare auf den Zähnen von Onkel Toni“, „die Tassen, die bei Nachbarin Gitte angeblich im Schrank fehlen“ und die „Tomaten auf den Augen von Tante Tina“ kompletter Unfug.“
Auszug aus Silke Bauerfeind: „Ein Kind mit Autismus zu begleiten, ist auch eine Reise zu sich selbst“, BoD 2016

Wichtig ist auch zu wissen, dass manche Antworten oder Kommentare von Autisten zeitverzögert geäußert werden. So muss man sich manchmal fragen, auf was der gesprochene, gebärdete oder geschriebene Satz Bezug nimmt. Das kann durchaus ein Gespräch oder ein Ereignis betreffen, das schon eine Stunde, einen Tag oder länger zurückliegt.

Wichtig zu wissen ist außerdem, dass wie schon angedeutet, Menschen mit Autismus Mimik nicht automatisch deuten können. Ob jemand einen traurigen, lachenden oder ironischen Gesichtsausdruck hat, bleibt ihnen oftmals verborgen.

Eng damit zusammen hängt auch die Tatsache, dass Menschen mit Autismus Gesichter als Ganzes nicht unbedingt abspeichern. So kann es vorkommen, dass sie jemanden nicht wiedererkennen, den sie bereits kennengelernt hatten. Das liegt unter anderem daran, dass Autisten eher Details als das große Ganze wahrnehmen. So erkennen sie vielleicht eine charakteristische Nase oder auch die Anordnung von Augenbrauen wieder, nicht aber das Gesicht als Ganzes. Stellen Sie sich vor, dass Sie vor einer riesengroßen Leinwand sitzen und den Kopf drehen und wenden müssen, um alles zu erfassen. Sie sehen viele Details, sind aber nicht in der Lage das ganze Bild zu erkennen. So ähnlich mag es manchen Autisten gehen, wenn sie in ein Gesicht blicken. (Das perfekte Erkennen von Details birgt natürlich auch Stärken – darauf wurde bereits im Beitrag über „Wahrnehmung“ verwiesen.)

Auch die Tatsache, dass Autisten ungern Blickkontakt aufnehmen und halten wird immer wieder thematisiert. „Jemandem in die Augen zu sehen, ist für mich wie immer wieder in ein gleißendes Blitzlicht sehen zu müssen“, beschreibt eine Autistin. Augen bewegen sich ständig, sie befinden sich inmitten eines Gesichtes, das sehr viele Gesichtsmuskeln hat, die die meiste Zeit in Bewegung sind. Das bringt große Unruhe und Unsicherheit mit sich. Blickkontakt halten zu sollen, ist für viele Autisten nicht einfach nur unangenehm, sondern darüber hinaus sogar schmerzhaft. „Es ist wie ein Feuerwerk, es schmerzt, und ich kann mich besser konzentrieren, wenn ich mein Gegenüber nicht ansehe“, berichtet ein junger Mann.

Wenn man also mit einem Autisten spricht, sollte man sich nicht daran stören, dass dieser nicht die ganze Zeit oder nur wenig Blickkontakt hält. Das ist kein Ausdruck von Desinteresse, sondern eine Technik, die es ermöglicht, sich besser auf das Gespräch zu konzentrieren, indem die Reize, die das Ansehen mit sich bringen, ausgefiltert werden.
Darüber hinaus ist es erstaunlich, was Menschen mit Autismus über peripheres Sehen aufnehmen. Mein eigener Sohn überrascht mich immer wieder mit Äußerungen, die zeigen, dass er etwas wahrgenommen hat, ohne es direkt angesehen zu haben.

Auf die Besonderheiten der Kommunikation angemessen eingehen

Wenn man die Besonderheiten im Bereich der Kommunikation kennt, hat man die Möglichkeit, darauf entsprechend einzugehen. Bei Eltern und Bezugspersonen sollte dies selbstredend sowieso der Fall sein, um Missverständnisse vorzubeugen und Autisten Kommunikationsformen zu ermöglichen, mit denen sie ihre Bedürfnisse und Befindlichkeiten ausdrücken können.

Aber auch andere Menschen, die nur gelegentlich mit Autisten zu tun haben, können mit diesem Hintergrundwissen angemessener auf die besondere Art zu kommunizieren eingehen.

Seien Sie aufgeschlossen, wenn jemand gebärdet oder mit einem Talker schreibt und gehen Sie davon aus, dass Ihr Gegenüber Sie sehr gut versteht.

Sprechen Sie in altersangemessener Sprache mit ihm.

Seien Sie bitte geduldig, wenn Antworten etwas Zeit benötigen oder auch wenn Antworten sich in die Länge ziehen und ungewohnt formuliert sind.

Bitte vermeiden Sie Smalltalk und nehmen Sie es nicht übel, wenn Ihr Gesprächspartner Sie nicht in der Art und Weise ansieht, wie Sie das gewohnt sind.

Bitte haben Sie auch Verständnis, wenn nicht auf jede Frage geantwortet wird – das ist kein böser Wille, sondern oftmals ein Aussortieren von einem „zu viel“ an Reizen und Anforderungen.

Sich auf die Kommunikation mit Autisten einzulassen, kann sehr spannend und bereichernd sein. Ich wünsche Ihnen viele gute Erlebnisse.

Wenn Sie weiterführende Informationen lesen möchten, die zum Beispiel Anregungen zum Telefonieren mit Autisten geben oder wenn Sie an Wissenswertem über „Gebärdensprache und Autismus“ interessiert sind, lade ich Sie herzlich auf „Ellas Blog“ ein: www.ellasblog.de.

Ihre Silke Bauerfeind (alias Ella)

Babyrotz und Elternschiss. Aus der Sprechstunde eines Kinderarztes
Vorstellung:
Silke Bauerfeind ist Kulturwissenschaftlerin und arbeitet als Autorin und freischaffende Künstlerin. Außerdem schreibt sie auf „Ellas Blog“ über ihre Erfahrungen zum Thema Autismus.
Silke Bauerfeind ist verheiratet und hat zwei Kinder. Ihr Sohn ist derzeit 16 Jahre alt und Autist. Er kommuniziert über Gebärdensprache. Die Autorin ist außerdem ehrenamtlich im Verein „autismus Mittelfranken e.V.“ aktiv.
Ihre Websites: www.ellasblog.de und www.silke-bauerfeind.com)

Im Juni 2016 erschien ihr neuestes Buch.

 

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